Interview mit Helene Leonida Luig-Arlt (Teil II.)

Autor: WebStar | Tags: deutsch luig arlt edelausländer

 

Easttalk – Frage: Können Sie etwas mit dem Begriff „Edelausländer“ oder mit etwas, in diesem Zusammenhang anfangen?
 
Fr. L - Arlt: Ich weiß, dass der Begriff benutzt wird. Ich finde es auch nicht schön, muss ich ganz ehrlich sagen. Das ist tatsächlich ein ganz mieser Begriff, der gehört für mich genauso zu den Unwörtern. Ich empfinde ihn als einen unmöglichen Ausdruck, aber ich denke, ich weiß was damit gemeint ist. In der Tat, wenn jemand, wie ich schon sagte, Engländer, Franzose oder Schwede ist, der kann unbehelligt durch Flensburg laufen. Diese werden die Anfeindungen, die hier mitunter passieren, so nicht erleben.
 
Easttalk: Schwierige Situation für alle Beteiligte
 
Fr. L. – Arlt: Für alle Beteiligten…Ich sag mal so: Aus meiner Sicht gibt es sicherlich nach wie vor von deutscher Seite gewisse Vorurteile, aber ich muss auch sagen – leider - werden sie auch, von welcher Gruppierung auch immer, vor welchem Migrationshintergrund auch immer, mitunter auch bedient. Es ist leider so, dass häufig russische Jugendliche, und dazu gibt es wirklich Statistiken, auch von der Ärztekammer, dass russische, insbesondere aus Sibirien stammende Jugendliche, weit aus häufiger extrem betrunken sind… Andere wären schon längst tot, da leben sie immer noch mit Promillewerten, die andere nicht mehr verkraften könnten. Das ist einfach Fakt. Natürlich gibt es auch Deutsche, die Koma – Saufen betreiben. Aber diese Unmengen…und dann noch mit entsprechend schlechtem Auftreten verbunden… Oder auch, wenn wir von mir aus Jugendliche mit beispielsweise türkischem Hintergrund haben, dann sehen wir auch, dass sie in Gruppen auftreten und „die sind alle super stark und so“. Und das schürt auch negative Einstellungen. Natürlich gibt es - gerade in den Großstädten - Personenkreise, Jugendliche deutscher Herkunft, die sich leider auch schlecht benehmen, gar keine Frage. Aber die Vorurteile werden gerade dann geschürt, wenn ein Migrationshintergrund auftritt: „Na klar, die schon wieder“. Da müsste man sicherlich an diese Menschen appellieren und sagen: Achtet mal ein bisschen darauf - wirklich. Ihr seid Volksbotschafter eurer Herkunft, eures Landes!
 
Easttalk – Frage: Wirklich schön gesagt! Sehen Sie da, vielleicht mehr Zusammenhänge bezüglich der Missgunst deutscher Jugendliche oder Menschen gegenüber den Menschen mit Migrationshintergrund, wie die oben genannten?
 
Fr. L. – Arlt: Missgunst glaube ich so nicht. Ich glaube nicht, dass da Arbeitsplatzwegnahme oder Ausbildungsplatzwegnahme im Vordergrund steht. Denn da spricht die Statistik für sich. Wir haben einfach nachweislich, gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund, zum Teil aufgrund von mangelnden Sprachkenntnissen, zum Teil auch aus anderen Gründen, eine deutliche Benachteiligung. Es ist ganz deutlich. Diejenigen, die überhaupt einen Hauptschulabschluss haben, es sind deutlich weniger im Vergleich zu Jugendlichen mit deutschem Hintergrund, Jugendliche mit Migrationshintergrund sind deutlich zahlenmäßig im Rückstand im Hinblick auf höhere Schulbildung - zumindest was Muslime angeht. Und das setzt sich leider so auch fort. Also ich denke, dass da was weggenommen wird, das glaube ich eher nicht. Ich glaube, das hat eher mit allgemeiner Rivalität, auf gegenseitigem „wer hat hier das Sagen“ oder so etwas zu tun, also weniger, dass man sich gegenseitig etwas wegnimmt. Das glaube ich so nicht… Das hat es eher bei den Erwachsenen gegeben. Als eine ganze Reihe von Aussiedlern, gerade nach der Perestrojka, hierher kamen, und zum Teil, nach einer gewissen Übergangsphase, dann auch eine gewisse Förderung erhielten. Es gab eine Wohnung, die finanziert wurde, es gab entsprechende finanzielle Mittel. Da dachte manch einer, der hier gearbeitet hat - jahrelang -, der mitunter auch in eine schwierige soziale Situation geraten ist und zum Teil schwierigere Lebensverhältnisse hatte, vielleicht neidisch. Da kam ein bisschen sozialer Neid auf. Das hörte sich auch so an: „Mensch, die haben noch nie hier gearbeitet, kommen hierher und haben im Grunde genommen die gesamte soziale Absicherung.“
 
Easttalk – Frage: Sind Ihrer Meinung nach, die Deutschen, innerhalb Europas oder vielleicht sogar der ganzen Welt, ein neidisches Volk, was mit ihren Einwanderern einhergeht oder sind die da eigentlich relativ humaner im Vergleich zu anderen Nationalitäten?
 
Fr. L. – Arlt: Ich kann mit dem Begriff Neid so nicht viel anfangen. Wie gesagt, ich habe hier ein bisschen gelegentlich gehörten ‚Sozialneid’ beschrieben. Ich habe selbst russische Wurzeln - ein bisschen - und wenn ich nach Russland gehen würde, nach Generationen und sage: „Ich habe eine russische Großmutter, und ich möchte hier eine Wohnung bekommen!“ passiert gar nichts. Die lachen mich aus. Da passiert gar nichts. Umgekehrt besteht ein gewisser Anspruch und wird von Deutschen auch mitgetragen. Insofern ist es eine recht humane, soziale Absicherung, dass von den anderen Bevölkerungsgruppen auch begehrt wird. Das müsste man den Deutschen zu Gute halten. Das, was ich als ‚Sozialneid’ beschrieben habe, spielt eher so…. Stammtischebene, so ein bisschen. „Ach guck mal, jetzt sind sie gekommen und sie haben exakt ne 4-Zimmer Wohnung und so was.“
 
Easttalk – Frage: Dann eine provokante Frage: Welche Vorteile bringt dann die deutsche Einwanderungspolitik? Nehmen wir Flensburg als Beispiel, wo viele Menschen mit muslimischen und slavischen Migrationshintergrund zusammenleben?
 
Fr. L. – Arlt: Das ist jetzt meine subjektive Einstellung. Diese subjektive Einstellung habe ich natürlich vor meinem persönlichen Familienhintergrund. Wir sind eine vergleichsweise internationale Familie, wir haben Menschen verschiedener Nationen (russisch, französisch, amerikanisch, türkisch, italienisch, kanadisch, australisch) und verschiedenen Glaubens in unserer Familie, von russisch - orthodoxem bis hin zum jüdischen Glauben. Sie leben überall - in Australien, Amerika, Frankreich, Kanada und anderen Ländern. Grundsätzlich finde ich ist es eine Bereicherung: seine eigenen Werte, seine eigene Sichtweise, nicht als non plus ultra, nicht nur als das einzig Wahrhaftige zu betrachten, sondern einfach verschiedene Menschen und deren Hintergrund kennen zu lernen.
Und ich glaube, wenn wir jetzt vom persönlichen Weg weggehen, und das, was die Wirtschaft angeht, kurz ansehen: Wir haben eine globalisierte Welt, ich finde sie zwar auch, wie wir jetzt seit der Wirtschaftskrise wissen, nicht immer so einfach zu regeln, aber wir haben eine internationale Marktwirtschaft. Ich glaube, ich kenne keine Wirtschaft, die alleine existieren kann. Und ich denke, je mehr man von anderen Gesellschaften, von anderen Sprachen, Kulturen kennt - wir wissen, dass es auch eigentlich eine Forderung ist, egal, wo man arbeiten gehen möchte, - dann ist die Auslandserfahrung immer vom positiven Wert. Wenn wir irgendwo hingehen und wir können die Sprache des Landes, wir kennen ein bisschen die Gepflogenheiten, das nennt man interkulturelle Kompetenz, dass das absolut von Vorteil ist. Und grundsätzlich glaube ich, sind wir aus der Zeit weg, wo man sagt: Ich bin Deutscher, Franzose, Russe, Chinese oder sonst irgendwas. Sondern man kann seine Identität behalten, das halte ich auch für ganz wichtig. Aber wenn man sich dadurch abgrenzen, sich nach außen abschotten will, finde ich das nicht o.k., finde ich einfach persönlich nicht in Ordnung. Ich denke, es ist auch in einer Gesellschaft heute, im Jahre 2009 eigentlich nicht sonderlich vorteilhaft.
 
Easttalk – Frage: Ist Deutschland für Sie schon Multi - Kulti genug?
 
Fr. L. – Arlt: Ich habe kein Maß dafür. Vor allem deshalb nicht, weil es ja regional sehr verschieden ist. Ich habe jetzt von einer russischen Journalistin, die ein Paar Tage in Berlin gewesen ist, gehört: Sie hatte das Gefühl, dass sie in Berlin nicht in einer deutschen Stadt war, sondern in einer russischen oder türkischen. Man sieht und hört mehr Russen und andere Nationalitäten und bald weniger Deutsche. Es hängt natürlich davon ab, in welchen Bezirk man geht. Ich empfinde es nicht als nachteilig. Und ich könnte, glaube ich auch, kein Maß dazu finden, wirklich nicht.
Ich war am Tag der offenen Moschee, am 3. Oktober in Berlin gewesen, und bin natürlich auch in die Moschee in Kreuzberg-Tempelhof gegangen. Ich weiß gar nicht, warum man da ein Problem sehen sollte, ehrlich gesagt. Ob da nun 500 oder 2000 Menschen da sind. Das ist für mich kein Maß. Ich finde es ist die Frage, wie man damit umgehen kann, untereinander im gegenseitigen Miteinander.
 
Easttalk: Im Dialog?
 
Fr. L. - Arlt: Ja.
 
\"\"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stergios Stavropoulos und Helene Leonida Luig-Arlt

 

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

Ihr EastTalk - Team

 

Sag's weiter:  Twitter Facebook Google Buzz

Suche

Wetter



Login

Username:

Passwort: