Interview mit Helene Leonida Luig-Arlt (Teil III.)

Autor: WebStar | Tags: integration luig arlt bdwo parallelgesellschaft

Easttalk – Frage: Dann gleich zum nächsten Begriff - Parallelgesellschaft. Dieser Begriff fällt ziemlich oft in Medien. Wie stehen Sie dazu?
 
Fr. L. – Arlt: Ich finde es schade, dass es so ist. Aber es gibt sie. Und ich denke, es ist nicht nur von deutscher Seite alleine zu regeln. Sondern ich denke, da müsste auch eine gewisse Offenheit von Seiten der Gruppen mit Migrationshintergrund sein. Einfach größere Aktivität. Sich selbst nicht nur einzumischen, sondern den Kontakt zur Bevölkerung zu suchen. Und  da fallen mir zwei Beispiele ein: Einmal betrifft es halt die Muslime: Wir haben einen christlich - muslimischen Dialog vor einigen Jahren auf den Weg gebracht im Norden der Stadt. Und da hält sich das über Jahre hinweg sehr positiv. Es hat etwas mit persönlicher Bereitschaft zu tun, miteinander zu arbeiten und miteinander zu sprechen. Und ich muss auch sagen, als ich das erste Mal die Moschee betrat, vor Jahren, habe ich gedacht: Oh Mensch, kann ich selbst dort überhaupt hingehen? Ich hatte da selbst gewisse Schranken vor Augen und seit vielen Jahren haben wir hier einen sehr konstruktiven Arbeitskreis. Die Bereitschaft von muslimischer Seite sich mit der deutschen Seite einzulassen ist auch wichtig. Dass sie eine offene Moschee haben, dass sie die Leute einladen und dass sie dann gemeinsame Veranstaltungen machen. Das müssen noch mehr sein. Es ist einfach noch nicht genug. was ich am Anfang schon sagte. Und wenn ich so an die ersten Kontakte mit der Russisch-Deutschen Bühne, an den russischen Tag denke… Ich glaube, dass war damals in Engelsby. Wir waren glaube ich die einzigen, mit deutschem, mit schwerpunktmäßig deutschem, Hintergrund. Es waren ganz wenige, die von deutscher Seite nach Engelsby gekommen sind. Aber dann, sag ich mal, erlebt man, wenn man kein Russisch spricht oder versteht, dann sitzt man als Deutscher wie Pik Ass daneben. Es kommt kaum jemand und sagt irgendwo „Hallo“ oder „Mensch, Sie sind irgendwie neu, wo kommen Sie her?“. Von russischer Seite hat keiner den Kontakt gesucht. Man sitzt wirklich daneben und versteht nichts. Ich verstehe die Sprache zufällig, aber wenn man kein Russisch spricht, sitzt man wie fremd. Und was macht man? Man kommt nicht mehr wieder. Und der Kontakt mit dem Russischen Theater ist dann gleich Null. Die Russen, es heißt dort Deutsch - Russisches Theater, aber es ist kein Deutsch – Russisches Theater. Es gibt hinterher im Grunde genommen nur die Cliquen von Russen, die sich verschließen und dann hat sich das – leider.
 
Easttalk – Einwand: Aber es ist auch so, dass die Schauspieler, egal ob im Theater oder Oper nicht gleich sofort zu den Zuschauern rennen und sagen „Hallo, ich möchte Bekanntschaften schließen.“ Es geht eher darum, dass die Zuschauer sich das Stück angucken wollen und nicht mit dem Ziel hingehen eine Bekanntschaft zu schließen.
 
Fr. L. – Arlt: Ja und Nein. Ich dachte, das ist mit einem Integrationshintergrund gegründet worden.
 
Easttalk: Ja, deswegen kommen sowohl deutsche als auch russische Zuschauer dorthin. Daher ist es ein Indikator dafür, dass die Integration vorangeht
 
Fr. L. – Arlt: Ja, aber es könnte viel intensiver sein. Ich kenne das von Berlin. Ein ganz tolles, kleines Theater, das heißt „Theater im Greenhouse“  auch ein privates Theater, gegründet von einer Professorin. Dort sind exzellente Schauspieler/innen, die man auch im Fernsehen sehen kann. Und sie machen es so: Sowohl vor der Aufführung als auch im Anschluss stehen sie zwischen dem Publikum mit einem Glas Wein und ein paar Salzstangen und unterhalten sich mit den Gästen. Und das ist ein ganz, ganz toller Ansatz, wenigstens ein Stündchen hinterher gemeinsam zu sprechen.
 
Easttalk – Frage: Sie würden sich also wünschen, dass sowohl als auch mehr Fragen gestellt werden?
 
Fr. L. – Arlt: Ja, das man einfach sagt „ Wir haben im Theater gespielt und wir würden jetzt gemeinsam ein Glas Wein trinken und noch mal mit Ihnen ins Gespräch kommen.“ Wie auch zum Beispiel beim Tag der offenen Moschee, dass man dahin kommt und den Kontakt herstellt. Die sitzen auch nicht nur für sich, sondern dass man versucht irgendwie ins Gespräch zu kommen. Das macht den Kontakt aus und das baut die Vorurteile ab. Es ist nur der persönliche Kontakt, da schwöre ich einfach drauf. Gesetze allein können es nicht bewirken.
 
Easttalk – Einwand: Ich muss aber dazu sagen, dass nach der Vorstellung die Schauspieler und der Regisseur raus zum Publikum gehen und alle im Prinzip ansprechbar sind. Es ist nicht so, dass alle abgeschottet sind und sich nicht mit dem Publikum unterhalten, sondern sie gehen wirklich raus. Derjenige, der Kontakt sucht, der kann zum Regisseur oder zu den Schauspielern gehen und fragen
 
Fr. L. - Arlt: Klar, man könnte hingehen, aber das macht man so nicht. Ich gehe im Theater auch nicht hinter die Bühne, natürlich nicht. Man muss einen Rahmen schaffen. Gerade Kultur ist ein Superträger um Kontakte herzustellen und Integration zu fördern, von welcher Seite auch immer. Kultur und…man sollte es nicht glauben, Essen und Trinken auch. In der Tat es ist so, das wenn man die Gelegenheit hat, ein Glas Wein oder die Salzstangen zu knabbern, oder irgendwo ein „Piroggchen“ zu probieren, das hilft. Wenn man nach dem Theater sagen würde „Wir haben im Anschluss einen kleinen Rahmen, eine kleinen Stehempfang, wir würden gerne mit Ihnen ins Gespräch kommen.“ Und in der Tat eine Schüssel Piroggen hinzustellen, drei Salzstangen und ein Glas Wein, keinen Wodka, um keine Vorurteile zu schüren, das würde gerade den Kontakt fördern.
 
Easttalk: Ein organisiertes Apres
 
Fr. L. – Arlt: Ja, ich glaube das in der Tat. Kultur ist der Träger, es sind keine Gesetze. Gesetze kann man nachher immer noch irgendwo mal haben. Man kann aber keine Freundschaft oder keinen Kontakt verordnen. Es geht nicht.
 
Easttalk: Man sollte nicht, umgangssprachlich gesagt ‚meckern’, sondern man sollte dafür auch etwas tun...
 
Fr. L. – Arlt: Richtig. Das ist auch ein offizielles Thema. Es gibt ja diesen bundesweiten Migrationskreis, der auch die Kanzlerin Merkel berät. Ich arbeite in einem anderen Zusammenhang mit etlichen anderen, die in diesem Arbeitskreis sind. Und so bin ich auch zum Bundespresseamt, zu einer großen Tagung dorthin gekommen. Und da sind im Grunde genommen die gleichen Aussagen. Das man in der Tat von beiden Seiten aufeinander zugehen muss. Und diese Parallelgesellschaften - und das war ja die Frage: Wenn man die pflegt, dann kann es nicht zu einem guten Ende führen. Wenn sie sagen, die Russen sich unter sich, die Türken unter sich, die Deutschen unter sich aufhalten, wie sollte es dann zu einem Dialog kommen? Und einmal im Jahr gibt es eine Kulturwoche, wo dann wieder mal jeder seine folkloristische Einlagen, um etwas provokant zu sagen, darbietet, so etwas Exotisches - der eine macht den Bauchtanz, ein anderer tanzt „Kasatschok“… Das ist es nicht, das bringt nur sehr wenig.
 
 
Easttalk – Frage: Wie hat Ihr Migrationshintergrund Sie persönlich als Mensch geformt?
 
Fr. L. – Arlt: Ich glaube sehr stark. Weil, ich kenne aus der Kindheitszeit noch die Zeit des Kalten Krieges und mit meiner russischen Großmutter habe ich nicht nur Positives erlebt. Mit ihr persönlich zu hause schon, aber wenn man in der Öffentlichkeit auftauchte, gehörte man irgendwo nicht so besonders dazu. Ja, das war irgendwie eine andere Gesellschaft, obgleich ich auch einen deutschen Hintergrund habe. Mein Vater war Deutscher.  Da meine Mutter gearbeitet hatte, ging ich viel mit meiner Großmutter in die Stadt und mit ihr sprach ich ausschließlich russisch, weil sie auch kaum was anderes sprechen konnte. Zugestandenermaßen hatte sie auch kein großes Interesse, muss ich ehrlicherweise sagen, die deutsche Sprache zu lernen. Sie hat mühselig ein paar Worte gekonnt und hatte auch mit Deutschen nicht viel am Hut. Das hat sicher mit der Flucht aus dem Baltikum zu tun. Sie war mit einem Baltendeutschen verheiratet. Aber dann diese üblichen Aufgaben, die man da so übernehmen muss, einkaufen gehen, übersetzen und die Blicke, die man da so kennt…Sie selbst hatte sehr negative Erfahrungen gemacht. Nach der Flucht musste sie sich das Wasser von der Toilette holen, weil man sie nicht in die Küche lassen wollte, da sie als Russin dort nichts zu suchen hatte…. Da sind so einige Dinge, die man da erfährt und das ist dann auch nicht schön, ehrlich gesagt, na ja dazu gibt es viel zu erzählen. Natürlich prägt das einen sehr. Aber man kann sich auch natürlich entscheiden, was mache ich daraus? Man könnte natürlich irgendwelche Feindbilder aufbauen, was bei mir nicht ganz gepasst hätte, denn mein Vater war ja Deutscher, und wir haben auch noch baltendeutsche Wurzeln. Deswegen ist das dann unsere Familie gemischt angelegt. Aber alleine schon Lächeln und Gelächter über die russisch-orthodoxe Glaubenszugehörigkeit haben auch unsere Töchter miterlebt. Sogar unsere Kinder, die nächste Generation… In der Schule, in der Grundschule: Was bist du? Ochse bist du? Russisch Ochse? Anstelle von Russisch - Orthodox. Und dann schallendes Gelächter…Da fasst man sich am Kopf. Und ich denke mal, es gehört manchmal eine gewisse Stärke dazu, das auszuhalten.  Man kann daran erstarken und sagen: „Ok, ich versuche jetzt einen guten Weg zu gehen und die Kommunikation, den Dialog zu fördern. Und wir haben einfach verschiedene kulturelle Hintergründe in unserer Familie, und ich sehe es positiv.“ Man kann auch verhärten. Aber ich ziehe den offenen Weg dem Verhärten deutlich vor, und freue mich über jeden internationalen Kontakt. Egal, ob er ganz neu und ganz weit weg ist, wie neulich die Reise nach Usbekistan. Ich finde es toll, wenn sich Freundschaften daraus entwickeln. Die usbekischen Freunde sind in Hamburg an der Universität und sie kommen jetzt wieder zum Brunch zu uns. Ich finde es gut. Man darf keine Fronten aufmachen. Fronten finde ich katastrophal. Und Fronten haben, das wissen wir aus der Geschichte hinlänglich zu nichts Gutem geführt.
 
Easttalk: Ist ja angerissen worden
 
Fr. L. – Arlt: Ja, wann immer man irgendwelche Kontakte herstellen und aufbauen kann, sollte man es tun. Ich sag ja, dass jeder ein „Volksbotschafter“ ist, der sein Land vertritt. Ich denke, man könnte eine ganze Menge damit bewirken. Ich glaube zwar nicht, dass es in der Tat, wenn irgendwo eine Kriegserklärung stattfinden würde, viel helfen würde. Ich denke, dass da leider auch Nachbarn zu größten Feinden werden können. Den absoluten Optimismus habe ich nicht, aber so im Umgang, im täglichen Umgang, könnte man besser miteinander zu recht kommen.
 
Easttalk – Frage: Eine etwas politische Frage: Was halten Sie von einem möglichen Beitritt der Türkei zur EU?
 
Fr. L. - Arlt: Finde ich auch grundsätzlich schwierig, ehrlich gesagt. Bei aller Sympathie zu meinen muslimischen guten Bekannten und zum Integrationsgedanken; ich weiß, dass sie auch in der NATO sind, dennoch muss diese Frage nicht von Laien, sondern von Seiten der Regierung und der Experten geklärt werden.
 
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 Frau Helene Leonida Luig-Arlt und Kilian Weber

 

 

Fortsetzung folgt...

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