Interview mit Waldemar Stefan (RDB)

Autor: Alexej Kinder und Stergios Stavropoulos | Tags: interview theater rdb stefan kultur

1) Das Projekt RDB (Russisch-Deutsche Bühne e.V.) existiert schon seit 5 Jahren. War es schwer dieses zu organisieren?

 

Jedes Projekt ist schwer anzufangen und dieses besonders: kein Geld, kein Raum, keine Möglichkeiten um zu werben… Manchmal bin ich selber erstaunt, wie alles geklappt hat.

 

2) Wann und wie kam Ihnen die Idee das Projekt zu organisieren?

 

Die Idee ist schon vor langer Zeit entstanden, vor ca. 8 Jahren. Wir haben Neujahrsfeste für Kinder veranstaltet; allen hat es gefallen. Ich wollte die Jungendlichen um mich vereinen, aber nicht nur Jugendliche, sondern alle Leute die das Theater lieben, selber eine Vorstellung in zwei Sprachen ausrichten, sich mit den Szenen, mit der Sprache beschäftigen. Bewegung, Tanzen, Vokale.

 

3) Wie viele mitwirkende Personen umfasst das Projekt?

 

Zu meinem Erstauen kamen ca. 30 Leute; und das ohne besondere Werbung! Selbstverständlich, dass nur die Hälfte blieb; so ist das immer. Theater – das ist eine schwere Arbeit, die viel Kraft und Zeit beansprucht…. Man muss viel Text lernen, dabei noch in zwei Sprachen. Nicht jeder schafft es. Bevor wir auf der Bühne auftraten, haben wir uns mit Warmlaufen, Etüden, Einsingen, verschiedenen Übungen für Sprache und Bewegung beschäftigt; das, was, gewissermaßen, jeder Schauspieler besitzen soll. Nach und nach sind Leute ausgeschieden, auch wegen anderen Problemen, wie z.B. – Lehre, Arbeit, Privatleben, Geburt von Kindern. Im Moment sind wir 10-12 Personen, die immer dabei sind. Aber es gibt auch so etwas wie eine „Reserve“; das sind die Leute die eigentlich nicht mehr im Theater sind aber uns jederzeit helfen können, z.B. indem sie ihre „alte“ Rolle spielen oder unsere Vorstellung betreuen.

Einige nehmen nur in den Neujahresaufführungen teil.

 

4) War es schwer die Personen für das Projekt zu gewinnen?

 

Ja, das ist nicht einfach. Weil es kaum Möglichkeiten gibt diese Information zu den Menschen zu bringen. Nur durch die Werbung in den russischen Läden, wo sich längst nicht alle aufhalten und das lesen. Das Problem ist immer noch nicht gelöst! Zum Beispiel: viele Menschen, die in Flensburg schon mehrere Jahre leben, wissen immer noch nicht, dass Neujahrsfeste für Kinder stattfinden, obwohl wir es schon seit 10 Jahren machen. Hier ist die „Mund zu Mund –Propaganda“ am Wichtigsten, aber sie erfaßt auch nicht alle.

 

5).Verschiedene Altersgruppen, Tätigkeiten( Schwierigkeiten?)

 

Nein. Ich empfinde es als sehr positiv, dass das Theater so viele verschiedene Menschen verbindet. Erstens: sie ergänzen und bereichern einander. Zweitens: in der Truppe müssen verschiedene Schauspieler sein; schließlich gibt es in einem Theaterstück auch keine gleichen Personen.

 

6) Welche Stücke, auch schon gespielte, gefallen Ihnen am besten?

 

Ich kenne keinen Regisseur, der diese Frage beantworten könnte. Alle Stücke liegen mir am Herzen. Auch sind alle Stücke verschieden; der Unterschied liegt im Genre und nach der Art es zu spielen. Ich mache es mit Absicht so. Damit die Schauspieler sich in jedem Genre versuchen: von der Tragödie bis zur Farce oder auch der Komödie; und man kann schon sagen, dass sie es schaffen - mit Vergnügen - alle Stücke zu spielen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7) Und warum gerade wurden diese Stücke gespielt?

 

Erstens: weil die uns gefallen. Das ist wahrscheinlich das wichtigste Kriterium. Sie sind alle verschieden. Es gibt die Möglichkeit praktisch alle Schauspieler zu beschäftigen; das ist auch wichtig. Wenn es z.B. eine Rolle weniger gibt, dann stimme ich 2-3 Schauspieler auf diese Rolle ein. Gewünscht ist natürlich, dass diese Stücke dem russischsprachigen und dem deutschsprachigen Publikum gefallen.

Es spielen viele Kriterien eine Rolle bei der Auswahl.

Deswegen suche ich die Stücke aus, schlage sie den Schauspielern vor und dann treffen wir die Entscheidung gemeinsam. Wir haben genug Stücke, die wir nicht angenommen haben.

Einige warten auf ihre große Stunde, wie z.B. „Onkelchens Traum“ von F. Dostojewski.

 

8) Spielen soziale Probleme eine Rolle bei der Auswahl der Stücke?

 

Prinzipiell kann man soziale Probleme in jedem Stück finden; in einem Teil sind sie ersichtlich, in einem anderen weniger. Ich würde aber nicht sagen, dass soziale Probleme entscheidend bei der Auswahl der Stücke sind.

 

9) Sie waren schon Regisseur und Schauspieler! Was hat Ihnen am besten gefallen?

 

Mir gefällt beides. In Russland habe ich hauptsächlich selber gespielt, obwohl mich das Regieführen schon damals interessiert hatte. Jetzt beschäftige ich mich sehr gerne mit der Regie. Das ist sehr interessant. Mir gefällt es mit Schauspielern zu arbeiten und ein Stück aufzubauen. Natürlich will ich auch jetzt gerne selber auf die Bühne hinausgehen; ich beneide sogar ab und zu meine Schauspieler. Ich habe sogar Rollen, die ich selber spielen wollte. Aber dafür braucht man einen anderen Regisseur. Ich gehöre nicht zu den Regisseuren, die es lieben, in den eigenen Aufführungen mitzuspielen. Aus so etwas - meiner Meinung nach - kommt selten etwas Gutes heraus.

 

10) Wie sind Sie zum Theater gekommen? Wie hat sich Ihr Leben gestaltet?

 

Ich war 15 Jahre alt, als ich meine erste Rolle in einer großen Aufführung gespielt habe. Das war an einem guten Amateur-Theater, mit einem guten Regisseur. Da habe ich mich in das Theater verliebt. Damals habe ich nicht gedacht, dass es zu meinem Beruf wird, obwohl ich schon damals eine Einladung zum professionellen Theater gekommen habe. Es ist eine ständige Spaltung zwischen dem Theater und der Arbeit als Ingenieur. Allmählich nahm das Theater immer mehr Zeit in Anspruch und ich wurde genötigt alles zu schmeißen und mich vollkommen dem Theater zu widmen. Später kamen noch Radio- und Fernsehauftritte dazu. Mir gefiel es die TV-Shows zu führen und als Radio-Moderator im „Radio-Maximum“ zu arbeiten, wobei ich in der Zeit eine eigene Show, die „Stefan-Show“, ins Leben gerufen hatte. Die letzten 3 Jahre, vor der Abreise nach Deutschland (1996), spielte ich vertraglich abgesichert im Mossovet–Theater. Ich nahm an vielen Gast- und Festspielen teil. Mit einer meiner besten Vorstellungen, „Der Fall im Zoo“, nach einem Bühnenwerk von Edward Albee, sind wir durch die ganze Sowjetunion gereist und traten damit in vielen Ländern Europas und Israel auf. Auf dem internationalen Festival in Tampere (Finnland) waren wir der Höhepunkt des Festivals; dort fand auch ein rührendes Treffen mit dem Autor dieses Werkes, der amerikanischen Legende, Mister Albee persönlich, statt. Vor der Abreise nach Deutschland schaffte ich es noch an einem Film namens „Rätsel“, einer russisch-amerikanischen Co-Produktion, teilzunehmen. Die Premiere fand aber ohne mich statt.

 

11) Und Ihre Familie?

 

Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Meine Tochter Alisa spielt in unserem Theater mit. Der Sohn Ilja ist nicht so sehr am Theater interessiert, hilft uns aber ab und zu als Tonoperator. Als Schauspieler nimmt er nur an den Neujahrsvorstellungen teil.

 

12) Haben Sie die Bühne vermisst, als Sie nach Deutschland gekommen sind?

 

Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich sehnte mich nicht nach dem Theater. Dafür gibt es viele Gründe. Ich bin irgendwie müde vom ganzen Showbusiness, dem ständigen Hin und Her der letzten Jahre in Russland, geworden. Ich hatte Probleme mit der Gesundheit, die Ärzte empfahlen mir die Bühne zu verlassen….D.h. ich habe schon für mich selbst entschieden, dass es vorbei ist…Aber…..auch nach einer bestimmten Zeit lässt das Theater einen nicht in Ruhe. Wie schwer es auch ist, das Theater bleibt trotzdem ein sehr interessantes Unternehmen. Nicht zuletzt deswegen, weil man anderen etwas weitergeben oder zumindest etwas Neues beibringen kann.

 

 

13) Welche Meinung haben Sie über die politische, soziale und die wirtschaftliche Lage in Russland? Hat sich die Situation stabilisiert? Was hat sich Ihrer Meinung nach verändert? (positiv/negativ)

 

Es ist schwierig, wenn man selbst in Deutschland lebt, über die Lage und Politik in Russland zu sprechen. Wenn man sich die Nachrichten anschaut, dann ist in Russland alles wunderbar. Aber es ist unmöglich sich all diese Breite an Nachrichten und News im russischen Fernsehen anzusehen – es sind meistens irgendwelche „Inszenierungen“ von und über Putin. Dies alles erinnert an die Propaganda der kommunistischen Zeiten, an die Zeit der Stagnation und der Lüge. Wenn man Informationen meiner Freunde aus Russland glaubt, dann ist es noch zu früh über eine „Stabilisierung im Lande“ zu sprechen; es ist einfach indessen zu viel passiert, worüber die pro-putinischen Sender schweigen. Die Auftritte so genannter „patriotischer Jugendorganisationen“ rufen ein Gefühl der Angst und der Besorgnis aus. Das Eindringen in alle Sphären des Kirchenlebens und gleichzeitig ein Aufkommen des Nationalismus….In all diesem spürt man die Verlogenheit, Aggressivität, Unversöhnlichkeit….Und das Schlimmste ist, dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung dies alles positiv empfangen wird – dies ruft ein Gefühl der Aufruhr und der Unbestimmtheit hervor. Einfach ausgedrückt: ich zähle mich nicht zu den Menschen, die es bedauern, dass sie aus Rußland (oder der ehem. Sowjetunion) ausgereist sind und darüber nachdenken eventuell wieder zurückzukehren. Nein. Obwohl, ehrlich gesagt, gehe ich mit einigen Aktionen Russlands auf der internationalen politischen Bühne positiv d’accord.

 

14) Wenn man die Integration der Aussiedler anschaut… ist die RDB (in selber Form wie jetzt) in 20-30 Jahren noch notwendig?

 

Ich würde die Integration nicht mit dem Theater in Verbindung bringen. Wenn in Deutschland weiterhin die derzeitige Integrationspolitik weitergeführt wird, dann wird diese es zu einer Parallelgesellschaft führen; das ist es wovon man am meisten Angst hat. Die Integration, sowohl auf der politischen Ebene, und insbesondere auf der regionalen, kommunalen und lokalen Ebene, sind leere Worte und Versprechungen. Die ganze Integration führt nur zum Erlernen der deutschen Sprache, aber dies ist lange nicht alles. Und das Interesse zum Theater - in diesem Falle dem russischen – wird bleiben. Das kann man an dem Beispiel der Aussiedler in den USA und Israel sehen.

Wenn von der politischen Seite keine Gleichgültigkeit zu uns weitergetrieben wird, dann wird unser Theater sehr lange weiterleben. Denn ohne Unterstützung wird jede Idee, jedes Projekt, das irgendwie mit Kultur zu tun hat, und nicht zuletzt kommerziell betrieben ist, einfach nicht überleben.

 

15) Wie kann man das Theater materiell oder finanziell unterstützen - gibt es z.B. ein Spendenkonto?

 

Wir machen alles kostenlos, keiner bekommt einen Lohn oder ein Gehalt; keine Honorare. Die 1000 Euro, die wir jährlich von der Stadtverwaltung bekommen, reichen nicht mal aus um die Miete für die Räume oder für Proben und Auftritte zu bezahlen. Wir brauchen noch Apparatur, Theaterinventar, Licht, Kleidung für die Schauspieler, Dekorationen etc.…..Das Theater ist ein sehr kostenbedingtes Unternehmen. Deswegen wird jeder Cent, der auf unser Konto überwiesen wird, als große Hilfe empfangen. Die Kontoverbindung erscheint bald auf unserer Website.

Aber man kann uns auch anders helfen – einfach zu unseren Auftritten kommen und Freunde und Bekannte als neue Zuschauer mitnehmen. Das wäre tatsächlich eine große Hilfe.

 

16) Was meinen Sie über das Projekt „EastTalk“? Ihre Ideen, vielleicht Vorschläge?

 

Ohne Zweifel ist es eine wunderbare Idee. Wir leben z.Z. in einem solchen Informationsloch, dass jedes Projekt in diese Richtung einfach genial ist. Ich bin davon überzeugt, dass EastTalk eine eigenartige und originelle Brücke zwischen beiden Kulturen und damit zu einer größeren gegenseitigen Verständigung führen wird; d.h., dass es tatsächlich zu einem echten Integrationsprojekt wird. Ich hoffe, dass wir weiter eng miteinander arbeiten werden. Ich würde es sehr begrüßen, wenn man auf der EastTalk-Website etwas mehr thematische Rubriken, die Interviews mit verschiedenen Persönlichkeiten der lokalen Behörden, mit den Fachmännern der Finanzen, der Medizin, der Schul- und Ausbildung und den verschiedenen Arbeitgebern usw. sehen könnte. Es wäre nicht verkehrt eine direkte Verbindung - per Internet - mit jenen Persönlichkeiten zu schaffen.

sta/ET

 

Im Ganzen also: viel Erfolg für Euer Projekt!!!

Sag's weiter:  Twitter Facebook Google Buzz

Suche

Wetter



Login

Username:

Passwort: