„Was erwartet uns dort denn!?“ - Interview mit Irina Awerina

Autor: Alexej Kinder | Tags: interview flensburg tschernobylkinder irina awerina

 

 Interview mit Irina Awerina (Juli 2008) in Niebüll - Teil I

 

Über die Folgen der Tschernobylkatastrophe


- Irina Awerina
- der Interviewer: Alexej Kinder

 

 

Interviewer: Ich habe viele Fragen, da wir sie alle gemeinsam mit den Jungs des „Easttalk“ Teams zusammengestellt haben.

 

Irina: Alles klar! Ich bin bereit sie mir anzuhören!

 

Interviewer: Erzählen Sie bitte etwas über sich selbst, wer Sie sind, über Ihre Arbeit, ihr Hobby und über die Ziele Ihres Lebens!?

 

Irina: Über mein privates Leben?

 

Interviewer: nickt

 

Irina Awerina

 

Irina: Vom Beruf bin ich Musiklehrerin. Aber es hat sich so ergeben, dass die Musik in der Schule für Taube gebraucht wurde, d.h. taube Kinder durch Musik zur Erleuchtung zu bringen. Es klingt etwas seltsam, aber im Allgemeinen bedeutet es, Wahrnehmung eines tauben Kindes durch eine taktile Wahrnehmung, d.h. durch ihre Gefühle, durch die Beine, durch die Hände sind sie in der Lage die Musik zu hören...!
Also, über mein persönliches Leben will ich sagen, dass es sich gut ergeben hat, weil ich im nächsten Jahr 50 werde. Was ich bisher geschafft habe? Ich habe zwei Waisenkinder großgezogen. Einen Jungen und ein Mädchen. Ich konnte tauben Kindern helfen. Im Laufe von 10 Jahren, bekamen sie Hörgeräte und andere Unterstützung. Und jetzt, mit Gottes Hilfe, verwirklicht sich das Projekt „Suppenküche“, wo wir uns mit Kindern aus missfälligen Familien beschäftigen. Inwiefern wir uns mit ihnen beschäftigen? Wir geben ihnen etwas zu Essen, wir kleiden sie, wir machen religiöse Ausflüge zu den Klöstern. Wir bringen ihnen bei, dass die Grundlagen des ganzen Lebens Moral, Gewissen, Glauben und Ehre sind.


Interviewer: Unterstützt Sie jemand in Deutschland?

 

Irina: Ja...

 

Interviewer: Wie ist dieses Projekt überhaupt zustande gekommen?

 

Irina: Nun, es ist im Grunde eine interessante Geschichte. Es fing mit meinem Pflegesohn Jura an. Es war die Zeit, in der viele Tschernobylkinder verreisten. Und da wir keine gewöhnliche Familie waren, mit einem Pflegesohn, obwohl wir einen eigenen Sohn hatten, wurde Jura angeboten nach Deutschland zu fahren. Er wurde in der Familie einer Journalistin, Tilla Lorenzen, untergebracht. Nach einem Monat seines Aufenthaltes dort bekam ich einen Brief von ihr, sie fragte mich, ob sie zu uns nach Weißrussland kommen könne, um sich anzuschauen wie wir leben, wie lebt diese Familie. Und sie kamen. Sie kam noch mit einer weiteren Frau. Etwa nach fünf Tagen ihres Aufenthaltes bei uns fragte sie: „Irina, wie kann ich dir helfen?“. Es hing damit zusammen, dass wir unter anderem ein Waisenkind hatten. Ich sagte: „ Wir brauchen absolut gar nichts, da wir alles für das Leben haben – dem Gott sei Dank! Aber im Internat gibt es ein taubes Mädchen, ein Waisenkind!“. Vera war damals fünf Jahre alt und sie, Tilla Lorenzen, wollte sie sich ansehen. Daraufhin sind wir beide zur Schule gefahren. Vera war sehr zierlich, sehr dünn. Ich werde nie die Tränen von Tilla vergessen, wie sie geweint hat, als sie Vera anschaute. Dann sagte sie zu mir: „Ich versuche etwas für dieses Kind zu tun!“. Denn zusätzlich dazu, dass sie taub und herzkrank ist, ist sie auch noch Vollwaise. Nach einiger Zeit erhielt ich einen Brief von Tilla, indem sie mich und Vera nach Deutschland einlud. Davor hat sie hier in Deutschland einen interessanten Artikel darüber geschrieben, dass ein taubes Waisenkind Hilfe braucht und darauf hat sich die Familie Niko Nissen aus Niebüll gemeldet. Sie sind Augenoptiker und Hörgeräte-Akustiker. Im Februar sind wir mit Vera nach Nordfriesland gekommen. Wir haben in Joldelund bei Frau Kersten Seidel einen Monat lang gewohnt. Mit ihr sind wir regelmäßig zur Anpassung und Feineinstellung zweier Hörgeräte und einer Brille nach Niebüll gefahren. Es war ein unglaubliches Erlebnis als Vera die ersten Geräusche wahrnahm. Den Wind in den Blättern der Baume, Autos, das Lachen der Menschen oder das Knacken beim reinbeißen in ein Brötchen, sie erlebte eine völlig neue Welt. Sie klopfte mit dem Löffel und hörte sich diese Geräusche an! Sie war überglücklich. Und dann fragte Frauke Nissen: „Irina, sind da noch mehr Kinder in der Schule die nicht hören können?“. „Ja, viele.“, war meine Antwort und für Frauke Nissen war es klar – dann müssen mehr Kinder hierher. „Bringst du im August acht Kinder mit?“, fragt sie. Ehrlich gesagt war es nicht einfach für mich, ohne Sprachkenntnisse, hier vier Wochen lang, in einer absolut anderen Kultur zu verbringen. Es war aber wiederum eine Chance, anderen zu helfen… Ich sagte: „O.K.!“ Und wir kamen mit acht Kindern. Danach jährlich mit 20, 22 und mehr Kindern. Später kamen Lehrer, um sich zu Labortechnikern ausbilden zu lassen. Sie haben dann in dem installierten Labor in der Schule Ohrstücke und Hörgerätereparaturen gemacht. Das war echte Hilfe zur Selbsthilfe.
Jährlich im September kommen Frauke und Paul Martin Niko Nissen für eine Woche zu uns in die Schwerhörigen-Schule nach Pinsk und in die Schwerhörigen-Schule Kobrin um kleinen Kindern ab dem 1. Lebensjahr mit Hörgeräten zu versorgen, damit dies Kinder eine normale Endwicklung machen können, um später Ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Bis heute sind ca 1400 Kinder mit jeweils 2 Hörgeräten versorgt worden.
Das Projekt lief dann schon acht Jahre, als eines Abends Frauke mich fragte „ Erzähl mir, was du sonst so im Leben machst?“…“Nun, die tauben Kinder nehmen viel Zeit in Anspruch, Vera. Sie ist mein Patenkind und ist am Wochenende und an Feiertagen immer bei uns. Sie ist praktisch wie unser eigenes Kind.“. Dann erzählte ich ihr, dass es in meinem Leben eine Gemeinschaft gibt, die „Schwesternschaft - Barmherzigkeit“ heißt. Sie fragte, was es sei. Ich erzählte, dass es eine Gemeinschaft von Frauen sei, die die orthodoxe Kirche besuchten und die versuchten, Kindern aus sozialschwachen Familien zu helfen. Jetzt geht es einigermaßen Berg auf, aber vor acht Jahren war das alles sehr schwer. Einige Menschen sind, förmlich gesprochen, „von den Gleisen abgekommen“. Ihre Depression und Unnutz versenkten sie im Wein und Vodka. Die Kinder waren selbstverständlich Gefangene dieser Situation. Zu dem Zeitpunkt habe ich ein sehr interessantes Buch von Ljubowj Müller „Elisabeth die Märtyrerin“ gelesen. Sie ist die Schwester unserer Zarin Alexandra Födorowna, die den mächtigen Fürsten Sergij geheiratet hat, nach seiner Ermordung Nonne wurde und dann mit Barmherzigkeit anfing. Sie hat das Kloster im Namen der Maria gegründet. Nachdem ich das gelesen habe, sagte ich zu den Frauen in der Gemeinschaft: „Lasst uns „Schwesternschaft - Barmherzigkeit“ nennen und unsere Beschützerin im Himmel wird Elisabeth sein.“. Das habe ich Frauke erzählt. Sie hat mit großem Interesse zugehört und sagte: „Weißt du was, lass uns euch helfen!“. Meiner Meinung nach war es Ruf Gottes, da ich im Grunde um nichts gebeten habe. In diesem Jahr werden es fünf Jahre, dass sie unsere „Schwesternschaft – Barmherzigkeit“ unterstützen, sie nenne es etwas anders, „Suppenküche“.

 

Interviewer: „Suppenküche“?

 

Irina: Ja, „Suppenküche“! Was sie dafür tun? Bereits fünf Jahre lang kommen diese Kinder nach Niebüll. Wir müssen diese Kinder von den tauben Kindern etwas trennen. Das heißt, zehn Jahre lang kamen die hörgeschädigten Kinder hierher, zehn Jahre lang bekamen sie Hörgeräte und bekommen sie heute noch. Diese Kinder haben zumindest „normale“ Familien. Sie bekommen etwas zu Essen und können sich entwickeln, weil sie Eltern haben, die sie lieben. Die Kinder von der „Suppenküche“ sind Waisen dieser Zeit. Sie braucht keiner, wenn ich das so sagen darf.
Frauke Nissen sammelt die Mittel auch für dieses Projekt. Wir kommen hierher, dieses Jahr sind es 26 Kinder, fünf Betreuer, drei davon sind Schwestern aus der Gemeinschaft und zwei sind Übersetzer. Letztes Jahr waren es 31 Kinder, die in dieser Jugendherberge gewohnt haben. Während der Zeit in Deutschland bekommen wir Spendengelder, welche wir dann in Pinsk für diese Kinder verwenden, vor allem für das Essen. Wir verteilen es sonntags, donnerstags und dienstags, d.h. in kleineren Gruppen. Außerdem kaufen wir für sie Kleidung, denn sie haben oft absolut gar nichts zum anziehen. Sie haben nicht mal das Geld für ein Busticket und kommen lange Wege zu Fuß, mit nassen Füßen. Du siehst es und kaufst daraufhin Schuhe. Wir reisen viel. Denn meiner Meinung nach, ist etwas zu essen zu geben viel zu wenig! Wir müssen ihnen eine andere Welt zeigen! Wir müssen ihnen zeigen, dass es Menschen gibt, die auf sie warten. Wir machen Ausflüge zu den Klöstern, in denen etwas über unsere russische Kultur berichtet wird. Dass Russland nicht nur vom heutigen Tag an besteht, wo es die Neuen Russen gibt, die sich nicht darum kümmern, dass wir unsere eigene nationale Idee haben! Dass wir eine Kultur haben und dass wir darauf stolz sein sollen!
So ist dieses Projekt entstanden.

 

Irina mit Kindern aus Weißrussland

 

Interviewer: Das heißt, dass die Familie Nissen dieses Projekt erschaffen hat?

 

Irina: Ja! Sie haben zwei Projekte, die sie verwirklicht haben! Das erste war mit den tauben Kindern und das zweite ist die „Suppenküche“!

 

Interviewer: Menschen, die über dieses Projekt über Ihr Interview erfahren haben und es unterstützen möchten….Gibt es ein Konto, wo man Geld spenden kann?

 

Irina: Ja, es gibt ein Konto. Nein - es gibt sogar zwei, damit jeder das unterstützen kann was er möchte: *
 

 

„Suppenküchen Konto“ bei der VR-Bank Niebüll BLZ 217 635 42 Kt.-Nr. 25 161614 und
„Schwerhörigen Konto“ bei der VR-Bank Niebüll BLZ 217 635 42 Kt.-Nr. 5 161614

 

Interviewer: Wie kommt denn Geld zusammen und reicht das aus?

 

Irina: Frauke macht viele Werbeaktionen, Flohmärkte und Veranstaltungen, wo sie über diese Kinder erzählt. Sie macht auch Prospekte +2, damit man darüber lesen kann. Einige Menschen machen Versteigerungen oder veranstalten Ihre Feste zu Gunsten der Kinder. Sie verzichten auf Geschenke und bitten um Spenden.
So kommt einiges an Geld zusammen. Wenn noch mehr hereinkommt, können wir natürlich
noch mehr Kindern helfen, denn es werden fast täglich mehr, die zu uns in die „Suppenküche“ kommen.
  

Interviewer: Ist die finanzielle Unterstützung immer notwendig oder kann man auch auf eine andere Art und Weise Helfen?

 

Irina: Nun. In erster Linie, finde ich, brauchen diese Kinder Liebe! Das können Gasteltern am Wochenende, wenn die Kinder in die Gastfamilien gehen, Ihnen geben. Sie kommen nach so einem Familien-Wochenende, was sie von zu Hause nicht kennen, überglücklich zurück in die Jugendherberge. Hier werde ich oft gefragt, ob ich keine Fehler mache?! Das heißt, dass die Kinder aus einem solchen „Paradies“ in die „Hölle“ zurückkehren müssen! Ich sage immer, dass ich da keinen Fehler mache! Denn, wenn man einen Menschen in ein dunkles Zimmer einsperrt, wird er niemals Licht sehen. Und wenn man das Fenster nur ein wenig öffnet, sieht er Licht und er wird immer auf dieses Licht zustreben. Für mich und für diese Kinder ist es äußerst wichtig!!! Was die andre Art Hilfe angeht…Sie brauchen Schuhe! Sie brauchen Kleidung! Sie brauchen Schreibsachen, d.h. das, was sie für die Schule brauchen! Fast eine Woche lang essen sie hier. Und keiner von ihnen will nach Hause zurück! Viele Kinder kommen zu mir und sagen: „Was erwartet uns dort denn!“

 

 

* Anmerkung des Autors: Kontodaten wurden nachträglich hinzugefügt

 

 

Informative Broschüre (als pdf-Datei): Blatt1 und Blatt2

 

Fortsetzung des Interviews folgt...
 

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