Interview mit Helene Leonida Luig-Arlt (Teil IV.)

Autor: EastTalk-Team | Tags: luig arlt bdwo

 

Easttalk – Frage: Kehren wir kurz zurück und kommen zum Thema BDWO. Wie sieht es in der Zukunft aus, welche Schwerpunkte und Innovationen wird es geben?
 
Fr. L. – Arlt: Der hauptsächliche Schwerpunkt, den der BDWO in Zukunft anstreben wird, ist  der Dialog auf Augenhöhe. Die Frage ist: Was können wir an Know-how nach Russland bringen oder auch in andere Länder? Aber umgekehrt auch: Was können wir von dort lernen? Denn beim BDWO haben wir zu Russland und auch zu den anderen GUS-Staaten Kontakt, also nicht nur zu Russland. Wie kann man den Austausch intensivieren? Fachaustausch, kultureller Austausch und andere Bereiche wie Schule oder Universität. Institutionen, die man versucht zusammenzubringen, um gemeinsam anstehende Probleme zu lösen. Probleme, wie auch Herr Steinmeier meinte, wie z.B. die Wasserwirtschaftsprobleme, die Zentralasien hat. Kein Land vor Ort kann sie allein bewältigen. Dazu müssten die fünf zentralasiatischen Länder zum einen selbst zusammenarbeiten und zum anderen auch von deutscher bzw. europäischer Seite Unterstützung erhalten; sei es zum Thema „Forschung“, sei es zum Thema „Zusammenarbeit“. Und ich denke, das ist die Ebene auf der man gemeinsam die Themen angehen sollte, seien es Ökologie, Klimawandel, sei es Stadtentwicklung, Städtebau, Gesundheit und andere. Mittlerweile haben sich auch auf Bundesebene Facharbeitskreise gebildet, in denen Nichtregierungsorganisationen mitwirken.
Sicherlich sind auch Visafragen von Bedeutung. Wenn es um Völkerverständigung geht, gilt es, gewisse Vorurteile auf beiden Seiten weiter abzubauen und dass man die Kontaktmöglichkeiten nicht erschwert. Ein Beispiel: Wenn Gruppen nach Russland fahren wollen oder hierher kommen wollen, haben wir von beiden Seiten oft Schwierigkeiten was die Visa - Regelungen angeht… Das fängt bei den Kosten an. Das kann und will auch nicht jeder von sich aus tragen…
Es ist auch nicht immer einfach was die Verbindlichkeit angeht… wenn man bestimmte Gruppen anfordert oder auch Einzelpersonen, dann gibt es mitunter von russischer Seite ein „N’et“ und man weiß nicht warum und bestimmte Leute kommen dann einfach auch nicht…
 
Schön wäre natürlich, und daran arbeitet der BDWO auch mit, das Russland-Bild in den Medien mit eigenen Beiträgen zu ergänzen. Es wird ein „Russomobil“ auf den Weg gebracht werden. Das Konzept, alles steht, aber von russischer Seite wäre mehr Unterstützung wünschenswert. Es wäre eigentlich sehr zuträglich, so ein „Russomobil“ zu haben. Das gibt es ja schließlich auch für Deutschland in Frankreich und umgekehrt, und das trägt sehr zur Verständigung und zur Verbesserung des Images bei… Wäre also nicht verkehrt, wenn so etwas auf den Weg käme und auch von russischer Seite mit gefördert würde. Das sind die Projekte an denen man  zurzeit arbeitet.    
Und auch der Arbeitskreis West-Östlicher Fachaustausch existiert nach wie vor, Wir führen zu den Themen wie Soziales, Gesundheit, Stadtentwicklung, Ökologie, psychische Probleme, Agenda - Probleme, u.a. Prozesse immer wieder Tagungen durch und diskutieren gemeinsam …
 
Easttalk - Frage: Haben Sie sich eine Deadline gesetzt, wann Sie diese Projekte erreichen wollten?
 
Fr. L. – Arlt: Das ist eine kontinuierliche Arbeit, dass man immer wieder Kontakte pflegt, dass man auch sich immer wieder austauscht… Eigentlich hätte ich Anfang Oktober in Moskau sein sollen, zu einer Konferenz, zu einem Vortrag, wie in den vergangenen Jahren auch. Diese Reise musste ich aber leider aus persönlichen Gründen absagen, doch diese Kontakte stehen nach wie vor… Anfang Dezember kommt erneut eine Gruppe aus Moskau und die begleiten wir hier und treffen uns auch in Berlin, und schauen uns Projekte an, egal ob es Obdachlosenprojekte sind, ob es Müllverbrennungsanlagen sind, ganz egal, verschiedene Projekte, … und sich dadurch mit Erfahrungen austauscht… Es ist ein kontinuierlicher Prozess. Auch die Städtepartnerschaftkonferenzen, die alle 2 Jahre stattfinden, tragen zum Austausch bei. Die vorletzte war 2007 in Hamburg, und jüngste fand 2009 in Wolgograd statt, die nächste wird 2011 in Rothenburg ob der Tauber stattfinden.
 
 
Easttalk - Frage: Wie könnte man die Arbeit des BDWO transparenter machen für die jungen Nachwuchskräfte?
 
Fr- L. – Arlt: Das würden wir auch gerne wissen (lachen)… Natürlich hätten wir gerne Nachwuchs bei uns, gar keine Frage, wobei ich auch dabei sagen muss: Es gibt die Internetseite www.bdwo.de und da kann man natürlich reinschauen. Es gibt die Möglichkeit sich dort als „freie Person“ anzumelden, man ist aber über diese Gesellschaften automatisch als Mitglied mit dabei… das geht eigentlich ganz gut. Dann kann man natürlich jederzeit mitkommen, man kann sich in den Projekten, den Arbeitskreisen engagieren. Die Vorstandssitzungen sind für die Mitglieder offen und auch da kann man sich engagieren, teilnehmen und schauen, wie diese Organisation arbeitet… Das fände dann in Berlin, im Russischen Haus statt. Junge Leute, Studenten sind sehr willkommen. Die Informationen von BDWO gehen ja weiter. Sich für Auslandsaufenthalte, Sommerschulen, freiwilliges soziales Jahr, zu bewerben, sind nur einige der vielen Möglichkeiten, die durch die BDWO angeboten werden.. Einige Jugendliche sind zudem ja auch ganz pfiffig. Eine russische Journalistin hat auch einen Preis erhalten von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ - die haben Preise für Journalisten ausgeschrieben und dabei hat sie nun einen Preis gewonnen. Sie ist von der „Gräfin – Dönhoff - Stiftung“ gefördert worden und dadurch in Flensburg als Journalismuspraktikantin gewesen. Einige andere wiederum sind von sich aus sehr aktiv, sie fragen sich immer „wo kann ich mich selbst einbringen und was hab ich davon?“… 
 
Easttalk – Frage: Wie weit unterstützt Sie ihre Familie bei der Vorbereitung und Durchführung ihrer Projekte?
 
Fr. L. – Arlt: Sehr! Sehr… ein kleines Beispiel: Wir haben uns seit der Tschernobyl-Katastrophe und den Jahren danach, an einem Weihnachtsmarkt zu beteiligen. Da haben wir jahrelang, mein Mann, meine beiden Töchter, dort gestanden: Alles aufgebaut, Suppe gekocht, russische Kleinkunst, Matrjoschkas etc verkauft. Wenn so etwas oder solche Veranstaltungen stattfanden, haben Mann und Töchter entweder an der Kasse gesessen, haben Piroggen gebacken oder haben irgendwo mitgeholfen. Sie stehen also komplett dahinter…
 
Easttalk – Frage: Richtet die BDWO ihr Augenmerk lediglich auf die Gebiete der ehemaligen Sowjetunion? Wie sieht es zum Beispiel mit Polen oder Tschechien?
 
Fr. L. - Arlt: Nein, ich sagte ja: Es ist Russland und die GUS-Staaten. Nur eben die Staaten des Warschauer Paktes eben nicht: Also Rumänien, Polen, Tschechien usw. nicht… und früher waren auch die baltischen Länder ein Teil davon, weil sie ja auch zur Sowjetunion gehörten… Estland, Lettland, Litauen, aber diese zählen jetzt auch nicht mehr mit, weil sie eigene Länder geworden sind… insofern nur Russland und GUS…
 
Easttalk – Frage: Welche weiteren Pläne haben persönlich für Ihre Zukunft, bezüglich Ihrer Arbeit, Ihrer Tätigkeit bei BDWO?
 
Fr. L. – Arlt: Die Hauptarbeit, und das ist leider sehr schwer zu leisten, ist im Grunde genommen, das Interesse für eine Zusammenarbeit zu wecken oder mehr Menschen für eine ehrenamtliche Arbeit mit Russland und den GUS-Staaten zu gewinnen… Wir haben das Problem von Austritten aus den West-Ost-Gesellschaften. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Menschen haben sich bei uns teilweise verschlechtert, aber auch das Interesse an ehrenamtlicher Tätigkeit ist geringer geworden. Zudem finde ich es bedauerlich, wenn man als junger Mensch nur die gängigen wirtschaftlichen Möglichkeiten und Chancen der Auslandspraktika in Erwägung zieht. Man macht eher ein Jahr in Neuseeland oder in Amerika, anstatt nach Russland, Usbekistan oder Kasachstan zu gehen, was ich überhaupt nicht verstehe. Diese Möglichkeiten im Osten zu sehen und zu nutzen, das Interesse dafür zu überhaupt zu wecken, ist außerordentlich schwierig. Wir arbeiten eben ehrenamtlich und das  kostet einfach immens viel Zeit und, privat gesehen, ist es schwierig hier und da noch eine Veranstaltung oder noch einen Vortrag zu machen. Früher war das einfacher: Drei „Balalaika-Spieler“ wurden irgendwo hingestellt und das Interesse war schon geweckt, weil es exotisch war, das ist vorbei… das ist einfach nicht mehr so… sondern man muss schon irgendwas Besonderes versuchen zu finden. Die Menschen haben immer weniger Geld, viele sind auch in einem Alter, in dem sie sich nicht mehr ehrenamtlich engagieren wollen, weil sie es Jahre lang gemacht haben, dann ist der finanzielle Aspekt oftmals so, dass sie darauf achten, ob sie noch 50€ im Jahr bezahlen wollen oder können. Dadurch treten sie eher aus diesen Gesellschaften aus, als dass sie beitreten, und das ist aber auch ein bundesweites Problem! Die Städte und Gemeinden, die sehr gute Städtepartnerschaft-Verträge haben, sind sehr aktiv und da unterstützen sich die Gesellschaften und die Städte gegenseitig. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn auch Flensburg eine Partnerschaft mit einer russischen Stadt eingehen würde. Wir bemühen uns jetzt in Flensburg. Kiel hat eine Partnerschaft mit Kaliningrad, die über Jahre bereits besteht und weiter intensiviert werden könnte.
 
Ehrenamtliche Arbeit ist manchmal mit Aufwand verbunden und manchmal denke ich „irgendwo ist es zuviel…“, aber ich finde es trotzdem wichtig und es bringt auch Spaß. Man lernt Länder, Kulturen und Menschen kennen, erweitert seinen Horizont und kann auch einiges mit bewegen.
 
 
Easttalk - Frage: Dürfen wir das interview und Daten über sie aus dem Internet für EastTalk.de verwenden und veröffentlichen?
 
Fr. L. – Arlt: Ja.
 
Easttalk: EastTalk.de wünscht dann natürlich weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit!
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